treppauf;

Dieses Jahr muss es klappen, dieses Jahr soll es endlich soweit sein – mein erster Halbmarathon in Heidelberg. Die Steigungen sind nicht ohne, die Distanz ohnehin immer eine Herausforderung, aber ich will dabei sein. Immerhin bin ich Doppel-Heldin, habe den Blankeneser Halbmarathon schon 2 Mal „gefinished“. Etwas Training am Berg, dann klappt das im April in Heidelberg schon. Letzten Sonntag habe ich mit dem Berglauftraining begonnen – mit verheerenden Folgen. Continue reading

morgens um sieben;

…da zwitschern Vögeln, das wars denn auch. Morgens um sieben, an diesem Sonntag in Freiburg im Breisgau. Es könnte auch Hamburg, Berlin, Finsterwalde oder Recklinghausen sein – an einem Sonntagmorgen um sieben Uhr herrscht bedächtige Ruhe. Wer steht da schon auf? Menschen, die mit ihrem Hund raus müssen, Menschen, die zur Arbeit gehen, Läufer. Ich. In drei Stunden geht es los: Rock & Run Freiburg.Das Wetter ist mies, es ist dunkel, dichte Wolken am Himmel, es soll regnen, Wind. Ich habe schlecht geschlafen, mir fehlt eine Stunde, ich habe Bammel angesichts des gesundheitlichen Fiaskos beim letzten Halbmarathon vor vier Wochen. Anyway. 42 Bands auf der Strecke, über 10000 Läufer, eine tolle Stadt – das wird ein Spektakel. Ich sehe mich schon von einer Trommelgruppe zur nächsten laufen. Tschaka-bum-tschaka-bum-tschaka-bum-bum-bum! Und wieder einmal denke ich an meinen Yogalehrer, der einmal sagte, als es besonders anstrengend wurde und wir alle fix und fertig auf der Matte lagen: „Das ist hier wie im Swingerclub: Alles kann, nichts muss!“ In diesem Sinne: Ran an die Nudeln zum Frühstück. Tschaka-bum.

tage wie dieser;

Jeder kennt sie. Diese Tage, an denen nichts zusammen läuft, nichts geht. Ich nenne so einen Tag gefühlten Montag und dieser war gestern. Ungünstig nur, dass dieser ausgerechnet auf den Hella Hamburg Halbmarathon fiel.

Es lief nichts rund, bei diesem Lauf. Vom ersten Kilometer an, wollte mein Körper nicht so wie ich. Ich fühlte mich leer, mit unendlich schweren Beinen und einem Lungenvolumen wie bei einer dicken Erkältung. Das Wetter alleine mit kühlen, leicht schwülen Temperaturen um die 16 Grad und zwischenzeitlichem Regen kanns nicht gewesen sein, dass mich so aus der Bahn warf. So sehr, dass ich bereits nach knapp fünf Kilometern errnsthaft aussteigen wollte.

Die Halbmarathondistanz über 21,0975 Kilometer ist nie ein Klacks für mich. Ich habe Respekt vor der Strecke und es gibt immer wieder Momente, in denen ich am Sinn des ganzen Unterfangens zweifle, mir vornehme, nie und nimmer mehr noch mal einen Halbmarathon zu laufen. Der berühmte Schweinehund, wie er immer wieder mal in diesen und jenen Situationen auftaucht. Gestern war es nicht ein Hund, der mir leise zuraunte, wie schön es doch jetzt sein könnte, mit meinem Supporterteam einen warmen Tee zu trinken anstatt durch den Regen zu laufen. Gestern war mein Körper, der nicht so konnte wie gewohnt.

Ich lief warumauchimmer weiter. Und ging. Immer wieder ging ich gestern einige Meter, wenn ich am Wasserstand etwas trank oder zwischendurch, wenn ich das Gefühl hatte, absolut nicht mehr vorwärts zu kommen. Diese Strategie, mein Wille und vor allem die Motivation einiger Mitläufer („Komm, das schaffst du, es sind nur noch 5 Kilometer“) oder einiger Zuschauer („Hey du hast für 21 Kilometer bezahlt, auf gehts!“) spornten mich immer wieder an, nicht aufzugeben.

Ich schaffte es trotzalledem knapp unter 2 Stunden zu laufen. Angesichts meiner miserablen physischen Verfassung ein echtes Wunder.

Woran es letztendlich lag, dass der gestrige Lauf – physisch betrachtet – eine echte Qual war, kann ich nur spekulieren. Übertraining und Stress sind meine ersten Erklärungen. Dazu passt, dass ich heute ziemlichen Muskelkater habe und sehr erschöpft bin, mehr als sonst. Der gestrige Lauf war ein Balanceakt zwischen Zuhören und Ignorieren: zuhören den Signalen des Körpers, ignorieren die Schweinehunde, lösen die Blockade im Kopf. Den Spagat habe ich geschafft. Ich bin gelaufen bis ins Ziel, ich bin angekommen. Als eine von über 6000 Läufern.

Jetzt steht erstmal Regeneration an. Es langsam angehen lassen, sehr langsam. Darauf habe ich mich 21,0975 Kilometer gefreut.

48h;

Noch zwei Tage. In fast genau 48 Stunden stehe ich auf der Reeperbahn, inmitten von tausendenden Läufern und warte auf den Startschuss zum 20. Hella Hamburg Halbmarathon. Vorfreude („Endlich gehts los!“) und Gedanken („Habe ich mich richtig vorbereitet? Wie ist das Wetter? Wie fühle ich mich?“) wirbeln mich seit Tagen durch.

Mein persönliches Highlight, einen Halbmarathon unter 2 Stunden zu laufen, habe ich dieses Jahr im April bereits erreicht. Ich bin guter Dinge, auch diesen Sonntag die 2-Stunden-Marke zu knacken. Wenn sich meine Beine, die in den letzten Tagen sehr schwer waren, erholt haben und es nicht schlagartig über 25 Grad werden oder es stürmischen Wind gibt, der einem gemein von vorne entgegenbläst, dürfte es ein schöner Lauf werden mit über 6000 Startern, quer durch die Stadt. Die Wettervorhersagen schwanken zwischen Regen und Sonne bzw. bewölkt bei angenehmen Temperaturen um die 18 Grad. Letzteres wäre mir am liebsten. So oder so: Ich bin dabei.

letzte einheit;

Trainingslogbuch, Halbmarathon.

Heute ist die letzte Trainingseinheit. 4 Kilometer in 6:30 min/km. Ein kleiner Lauf. Beine vertreten. Nach der Sonne mit den heißen Temperaturen ist es heute bewölkt. Windig. Es sieht nach Regen aus. Das Thermometer zeigt 16 Grad. Optimale Bedingungen.

Ich bin ein bisschen wehmütig. Vier Monate habe ich nach Plan trainiert. „Dr. Marquardts Halbmarathontrainingsplan unter 2 Stunden“ lag vier Monate in der Küche auf dem Regal. Einheit für Einheit habe ich darauf meine Notizen notiert, nachgeschaut, wie viel ich wann laufen muss, mir eine Route überlegt. Kilometer zusammengezählt. Umgeblättert. Woche für Woche. Lauf für Lauf.

In diesen 16 Wochen war ich optimistisch, ich war deprimiert. Ich war überzeugt von dem Plan; ich war mir sicher, es wird nichts werden. Ich zweifelte an dem Plan, verzweifelte an mir. Nichts mit den unter 2 Stunden, nichts mit den 21,0975 km. Ja. Nein. Doch. Niemals! Ganz bestimmt. Nein.
Achterbahnfahren. Das ganz normale Auf und Ab, wenn man sich länger auf eine Sache vorbereitet.

Bei Freunden wurde mein „Da muss ich laufen, das steht in meinem Plan“ zum geflügelten Wort.

Heute steht nur noch eine kleine, eine winzige Einheit im Plan. Für Morgen: „Halbmarathon. Viel Erfolg!“ Dann endet der Plan. Ziel erreicht.

Ich bin ein bisschen wehmütig, mich bald nicht mehr an diesem Plan orientieren zu können, zu müssen. So sehr ich mich manchmal an diesen Plan gekettet fühlte, so sehr ich zweifelte, es hat doch verdammt viel Spaß gemacht.

Dr. Marquardt bietet mehrere Trainingspläne an. Mein „Schlupfloch“ für danach. Ich kann weiter nach Plan trainieren. 5 km. 10 km. Marathon. Whatever. Wie bei der ersten Vorbereitung wirds aber nie wieder werden.

drei;

In drei Tagen geht es los. Um 10 Uhr auf der Reeperbahn. Über 6000 Läufer haben sich mittlerweile zum Hella Halbmarathon angemeldet. Und ich mittendrin. Wieder mal diese Woche. Mein zweites Highlight, mein zweiter Adrenalinstoß diese Woche. Zuerst am Montag Depeche Mode in concert: ich inmitten von 45000 Menschen. Tage später bin ich immer noch im DM-Fieber. Jetzt kommenden Sonntag: ich inmitten von weit über 6000 Läufern beim Halbmarathon.

Mein erster Halbmarathon.
Und ich werde zunehmend nervös. Ich denke viel an den Lauf. Kreisgedanken. Hoffentlich ist es nicht zu heiß, hoffentlich regnet es nicht (wobei ich Regen der Hitze vorziehe), hoffentlich haut es mir nicht das Knie um die Ohren, hoffentlich schaffe ich es unter 2 Stunden (meine magische Grenze, mein selbstauferlegtes Elend), hoffentlich sehe ich meine Supporter am Straßenrand, hoffentlich, hoffentlich. Ich werde viel angesprochen auf den Lauf . Wie es mir geht. Wie ich mich fühle. Dass ich mich jetzt bloß nicht verletzen soll. Freude über die Anteilnahme. 

„Irgendeiner ist immer besser als du“, meinte neulich ein Kollege zu mir, der schon zahlreiche Marathonläufe hinter sich hat.
Ja. Mag sein bzw. wird sicher so sein. Jedoch kein Argument für mich, es nicht unter 2 Stunden zu versuchen. Ich werde ins Ziel kommen. Irgendwie. Aber irgendwie reicht mir nicht. Ich habe vier Monate dafür trainiert; für mich, und ich wills gut machen. Für mich. Da bin ich Kämpferschwein. Sturkopf. Kopf durch die Wand. Beine in die Hand und laufen laufen laufen, weg bin ich.

Noch kann ich mir nicht vorstellen, wie es sein wird, in dieser Masse am Start zu stehen, kurz vorher. Loszulaufen, mein Tempo zu finden und nicht wie von der Tarantel gestochen mit den Schnellsten der Schnellsten loszusprinten. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es mir ergehen wird, dazwischen und nach 21,097 km. Woher auch? 

Alles was ich weiß, ist: ich werde mich freuen wie verrückt, wenn ich es geschafft habe. Stolzgeschwellte Brust von hier bis nach Meppen. Ich! Ich! Ich! Ich habe Feuer gemacht!

Ich bin froh, dass einige Freunde als Supporter kommen werden. Ich brauche seelischen Beistand.
Ich bin nervös.

das halbe vom halben;

Heute mache ich halbe Sachen. Die Hälfte von der Hälfte. 12km Laufen. Fast, grob gerechnet die Hälfte der Halbmarathonstrecke von 21,0975 Kilometer. Auch so eine halbe Sache, der Halbmarathon.
Ich mag keine halben Sachen, an und für sich. Halbe Sachen sind unfertig. Halbe Sachen fehlt etwas. Vor allem in Beziehungen bedeuten halbe Sachen meist, dass es keine Beziehungen sind. Etwas nicht definiertes. Sich nicht festlegen wollen. Heute ja, morgen nein, heute hü, morgen hott. Übermorgen hasta la vista. Ich bin durch damit. Mit diesen halben Beziehungen. Entweder ganz oder gar nicht. Alles andere, alles halbe, reibt mich auf, lässt mich nicht schlafen, geht an meine Substanz. Lebenszeitverschwendung.
Immer mal wieder jedoch gerät meine Haltung mächtig ins Wanken. Da frage ich mich, ob eine halbe Sache nicht doch besser ist als keine. Einfach machen, nicht denken. Kopf aus. Hirn weg. Egal was dabei herauskommt. Shit happens. Schon Schlimmeres überlebt.
Heute ist so ein Tag. Heute schwankewanketaumel ich wie sturztrunken. Oberkanteunterlippe.
Heute laufe ich erstmal. Den halben Halbmarathon.
Und die halbe Sache kann sich ohnehin mitunter zu einem gefühlten Ganzen entwickeln.