wo der verstand aufhört;

Wir waren verabredet. Ein Freund, Freundinnen und ich. Depeche-Mode-Masses-Party in den Mai. Noch eben eine Runde Laufen. Über den Deich. An Schafen vorbei. Ein Quälixlauf nach acht Stunde Arbeit, nach einem Wochenende mit Party und wenig Schlaf. Etwa zur selben Zeit verlässt der Freund am anderen Ende der Stadt das Haus. Zum Joggen. Er läuft 100 Meter und sieht eine Frau, einen Mann und zwei Kinder. Ein Mädchen mit einem Schulranzen auf dem Rücken zittert am ganzen Körper. Die Frau und der Mann fragen ihn, wie die Straße heißt. Sie sind alle aufgeregt. Soeben habe sie das Kind einem Mann entrissen. Er wollte es in seinen Wagen zerren. Sie hielten ihn davon ab. Er fuhr davon. Polizei anrufen.
Das Mädchen steht wortlos daneben und zittert.
Der Freund erzählt die Geschichte. Wir stehen vor der Markthalle, die ersten Partygäste gehen hinein, und er erzählt. Wie wenige Meter von seinem Haus entfernt ein kleines, ungefähr achtjähriges Mädchen fast entführt worden wäre. Wie sie zitterte. Er hat einen Sohn.
Mir wird ein wenig übel. Ich kann nicht mehr sprechen.
Was wäre wenn. Das Mädchen. Sein Sohn. Meine Neffen, mein Patenkind, ihre Geschwister, alle. Kinder. Überall.
Hier hört mein Verstand auf. Hier beginnen sich meine Grenzen zu verschieben.
Am nächsten Tag der Anruf; der Mann wurde gefasst.
Der Mann gesteht. Aufatmen. Diesmal. Für dieses eine Mal. Das Rumoren im Magen bleibt.

lesben, transen und ein sonic youth-shirt;

Ich wage zu behaupten, dass Partys für Frauen die auf Frauen stehen, in jeder Stadt nach dem gleichen Schema ablaufen: schlechte Musik, Frauen, die entweder bereits vergeben oder aufgrund des Alters (in beide Richtungen) aus dem Rahmen fallen. Frauen, die auf die Partys gehen um andere Frauen kennen zu lernen und dort dann genau das Gegenteil tun: Offensichtlich abchecken und dann total ignorieren. Lockeres Gespräch Fehlanzeige. Entweder die Damen sind ob einer harmlosen Ansprache so perplex, dass sie einfach nur schweigen oder eine andere Frau aus dem Hintergrund taucht plötzlich auf und signalisiert einem unmissverständlich das „Erstrecht“. Frauen in der Szene haben den „schau mich nicht an, ich schau dich an“-Blick. Unweigerlich gehört man irgendwann selbst auch dazu.

Obligatorisch zu jedem Abend gehört auch ein Drama: zwei streiten sich, am besten auf der Tanzfläche, eine verlässt theatralisch die Party und sitzt dann heulend vor der Location und mindestens fünf gute Freundinnen stehen ihr mit guten Ratschlägen tröstend zur Seite. Da muss jede Lesbe einmal durch. Auch ich habe es hinter mir.

Mein letzter Szeneausflug war im November auf zwei Partys im Rahmen der Schwullesbischen Filmtage. Nichts großes. Zwei kleine Partys mit schlechter Musik und langweiligem Publikum. Davor Jahre nicht mehr. Ich hatte genug vom „Ignorieren, cool sein, von Hoffnung schöpfen und enttäuscht nach Hause gehen, genug von zu viel Alkohol, zu viel Drama“. Warum sollte ich meinen Abend bei schlechter Musik und mit Leuten verbringen, die mich seltsam ansehen, die ich seltsam ansehe, weil ich vor Unsicherheit total verkrampft und nicht ich bin. Alkohol ist da auch keine Lösung, ich trinke nichts mehr. Hat früher jedoch auch nie funktioniert. Oder zumindest meistens spürbar schlecht.

Jetzt der erneute Versuch. Die Zeiten haben sich schließlich geändert. Ich habe mich verändert. Es muss doch auch anders gehen. Vom Hörensagen für gut befunden geht es auf eine Bubbles-Party. Was auch immer sich dahinter verbergen mag. Ich bin übermutig. Ich bin guter Dinge. Ich bin bereit.

Mut antrinken mit Bier, meine Begleitung, und Mate, ich, in einer Kneipe am Hamburger Berg an. Die Musik ist genial, wir haben Spaß mit unseren Geschichten, das Sofa ist bequem, mein rechter Platz ist zwar nicht leer, aber ich wünsche mir die Bubbles-Party her. Genau in diese Location. Mit diesem feeling. Doch keine Fee, keine Bubbles.

Gegen halb eins raffen wir uns wagemutig auf. „Tollkühn“, nannte meine Begleitung so treffend ihr Vorhaben, mit mir eine Szeneparty aufzusuchen. Ich bin tollkühn, wagemutig, ich freue mich, als wir über die Reeperbahn laufen und die Location suchen. Habe gute Laune. Meine Anspannung ob den Gedanken, was mich dort erwartet beschäftigt mich weitaus weniger als der kalte Wind, der über der Stadt weht.

Während wir zu viel Eintritt bezahlen, zählt meine Begleitung die bereits anwesenden Gäste auf dem Zettel der Kassiererin. 25. Hey-ho, das verspricht Großes. Der Raum ist übersichtlich groß, die wenigen Frauen und Männer verlieren sich darin.
„Zumindest sind wir nicht die ersten“, sage ich.
An der Bar stehen einige Frauen. Kurzer Blick. Abchecken. Alles wie immer. Scheinbar zumindest.
Auf der Tanzfläche bewegen sich ungefähr zehn Frauen zu merkwürdig wummender Elektromusik. Altersdurchschnitt 22. Hochgeschätzt. Auch alles scheinbar wie immer.
„Du bist die Älteste hier!“, sagt meine Begleitung.
Ich scanne den Raum. „Die Blonde an der Bar ist definitiv älter als ich!“
„Stimmt.“
Den Altersdurchschnitt hebe ich dennoch. Meine Laune trübt dies keinen Zentimeter.
„Die Junge von den Blonden kenne ich“, sagt meine Begleitung. Ich drehe mich zu den beiden um. Beide Gesichter sagen mir nichts.
Eine andere Blonde mit Brille kenne ich vom Sehen. Von früheren Partys. Von einer Party im Café Keese mit einem legendären Ende.

Einige Luftballons kleben an der Decke, fliegen durch den Raum. Die Bubbles. Mein Eintritt. 10 Euro.

Wir holen uns etwas zu trinken und stellen uns an die Seite der Tanzfläche. Den Platz werden wir für die nächsten Stunden nur zum Gang an die Bar und aufs Klo verlassen. Wir stehen nicht im Weg, wir haben die Übersicht. Ich bin mir bereits an dem Abend sicher, dass wenn andere Anwesenden später von uns beiden sprechen werden, sie uns so beschreiben werden: „Die große Blonde und die kleine mit den kurzen Haaren, die, die den ganzen Abend nur an der Seite standen, ab und zu sich unterhielten, dann lachten und sonst nur glotzten.“ Ein Bild, mit dem ich wunderbar leben kann.

Ich beobachte die Tanzenden und bin verwirrt. Seit meinem letzten Szenebesuch auf einer großen Party muss ich mindestens vier bis acht Trends verpasst haben. Dazu gehören: Stöckelschuhe mindestens zwei Nummern zu groß, Stiefel, kurze enge Röcke, Kleider, Handtaschen, Netzstrumpfhosen. Ein Leben auf Stöckelschuhen am Limit. Mädels, die aussehen wie Heten, Frauen, die Männer küssen, Männer, die aussehen wie Heten und keine Männer küssen, Männer, die beim Tanzen ihre Bauchmuskeln spielen lassen. Was sich nicht geändert hat: die schlechte Musik.

Die Riege der „Rock auf Stöckelschuh“-Fraktion auf der Tanzfläche bewegt sich synchron neben dem Rhythmus. Haare schwingen. Netzstrumpfhosen und viel zu großen Stiefel bewegen sich im Radius von 20 Zentimeter nach rechts und links. Ab und zu geht die Langhaarige in die Knie. Hiphop-Dance-Style zum Elektro-Mix. Ein Mädel? Ein Typ? Beides? Wer weiß das schon. Ich erinnere mich an eine Party vor über 10 Jahren, als zu sehr vorgerückter Stunde eine Transe halbnackt auf Stöckelschuhen durch die Location stolperte, offensichtlich schwer angetrunken. Alle noch Anwesenden waren panisch bemüht, ihr/ihm aus dem Weg zu gehen. Was sie/ihn nicht störte. Im Gegenteil. Sie/er rekelte sich dazwischen lasziv – oder zumindest sollte es lasziv aussehen – auf dem Tresen oder tanzte sehr extrovertiert auf den Boxen. Einblicke, die haften bleiben. Lange ist das her.

Ein kleines Mädel mit kurzen Haaren und Nerdbrille sticht aus der Riege der Kleider und Röcke hervor. Ein kleiner Junge, ein Physikstudent, von Weitem. Eine Langhaarige mit einem prall gefüllten Jutebeutel über der Schulter steht an der Seite der Tanzfläche und wippt konsequent neben dem Takt. Ab und macht sie Bewegungen mit einer Hand. Gehört wohl zur Choreo.
„Die sieht irgendwie Psycho aus“, sage ich, während ich das Gesicht der Frau beobachte.
„Bipolar“, sagt meine Begleitung.
„Ich frage mich ja, was sie alles in ihrer Tasche hat? Eine Zahnbürste?“ „Ja, ich bleib dann mal gleich dir, ich zieh bei dir ein“, antwortet meine Begleitung im Hinblick auf das Phänomen, dass viele Lesben kaum dass sie miteinander zusammen sind auch sofort zusammenziehen.

Eine sehr kräftige Frau in ausgeleierter Jeans und dicker Schlüsselkette an der Hose läuft an uns vorbei. Eine echte Klischeelesbe. Meine Homowelt ist für einen kurzen Moment gerettet. Es sind Lesben da auf der Homoparty. Lesben inmitten der Stöckelschuhfraktion. Wir sind auf der richtigen Party.
Meine Freude über die Anwesenheit einer Klischeelesbe irritiert mich.

Vor uns stehen auf einmal zwei ältere Blondhaarige. Die eine trägt eine überdimensional große Brille mit weißem Gestell, Marke AOK Kassengestell 1965. Die andere eine weiße Weste, deren Material mich an einen Duschvorleger erinnert. Ein Flokati. Irritiert beobachten wir die beiden Fremdkörper, bis sie plötzlich verschwunden sind.

Der Laden füllt sich. Mit Hetenpärchen und weiteren Männern, mit drei Frauen, die aussehen wie Drillinge und dem Aussehen nach offensichtlich lesbisch sind. Alle sehr jung, alle trinken und rauchen und tanzen. Wir stehen an der Seite, trinken Bier und Mate, beobachten die Menschen, denken uns Geschichten zu ihnen aus, entdecken hier und da ein neues Schuhmodell, einen noch kürzeren Rock, noch merkwürdigere Pärchenkonstellationen („Ist das bei der Blonden ein Typ oder eine Frau?“), lachen und haben Spaß. Keine Ex, die aus dem Nichts auftaucht und für ein mieses Gefühl in der Magengegend sorgt. Keine Frauen, die man vermeintlich längst aus dem Gedächtnis gedrängt hatte und die plötzlich wieder wie gestern vor einem stehen und Dinge ins Licht ziehen, die man doch längst vergessen wähnte. Keine Unsicherheit, keine Anspannung. Kein Drama. Kein Verlangen, schnell jetzt sofort hier eine Frau kennenlernen zu wollen. im Gegenteil. Easypeacy feeling. Feeling good. Feeling very good. Ich bin entspannt wie nach 90 Minuten Bikram Yoga. Total ich. Sogar die schlechte Musik ist weniger schlecht als erwartet.

Plötzlich stürmt ein Mädel auf mich zu, greift mir an die Schultern und brüllt mir ins Ohr: „Du hast ein Sonic Youth-T-Shirt an!“
Ihre Stimme überschlägt sich dabei fast. Ich sage erstmal nichts; denn wie immer, wenn ich überrumpelt werde, vor allem mit derart Banalem, fällt mir eine passende Antwort frühestens in drei Tagen ein.
„Das ist so cool!“, brüllt sie weiter und strahlt mich an.
Ich schätze sie auf Anfang 20. Als ich Anfang 20 war, wurde Sonic Youth gerade richtig groß. Seitdem bin ich in Kim Gordon verknallt. Ein Freund vor mir hatte ein überdimensional großes Poster von Sonic Youth über seinem Bett. Für ihr Alter kann das Mädel, das immer noch ziemlich dicht an mir und meinem Ohr klebt, allerdings nichts. Ich höre ihr also weiter zu und bin kommunikativ.
„Ich hatte auch überlegt, mir eins zu kaufen!“, kreischt sie.
„Gibts bei Amazon“, sage ich, während ich verzweifelt überlege, wie schnell aus dem Gespräch herauskomme.
Ich drücke hierfür meinen Ellenbogen, meinen Arm in den Arm meiner Begleitung, die direkt neben mir steht. Mein Code für: „Hol mich hier raus! ASAP!“ Den Code nur hatten wir vorher nicht abgesprochen. Sie drückt also nur zurück. Keine Rettung. Ich bin mir ziemlich sicher, sie grinst sich hinter meinem Rücken einen, während das Mädel weiter von Sonic Youth schwärmt.
Sie zitiert aus einem Sonic-Youth-Song, ist schlicht hin und weg von meinem T-Shirt. Einem T-Shirt. Es ist ein T-Shirt, denke ich. Zugegeben, ich mag es sehr gerne, doch die Welle der Euphorie, die mir von dem Mädel für mein Kleidungsstück entgegen schwappt, ist zu groß für mich. Ich gehe unter, lasse mich treiben, höre zu, nicke, antworte nett und freundlich.
„Großes Kompliment“, sagt sie irgendwann, grinst mich strahlend an und geht.
„Toll“, denke ich mir. „Das Shirt kann ich die nächsten Partys erstmal nicht mehr anziehen.“ Guck mal, da ist die mit dem Sonic Youth T-Shirt wieder. Die hat nur das eine.

Die Musik wird noch elektronischer, die Bässe werden tiefer. Mein Trommelfell hüpft, mein ganzer Körper beginnt zu vibrieren. Selbst meine Stimme klingt verzerrt.
„Ey schau mal, wer da am DJ-Pult steht“, sagt meine Begleitung plötzlich und bekommt einen Lachflash. Ich stelle mich auf Zehenspitzen. Die Blonde mit der überdimensional großer weißer Brille. Daneben steht die Frau mit der Weste aus dem Duschvorleger. Derber Elektro. Von Brille und Duschvorleger. Die Meute hebt die Arme und tanzt wie wild. Ich bin sprachlos.

Es dauert eine Weile bis wir uns wieder gefangen haben. Dann haben wir genug und ziehen weiter. Zu Tante Paul. Eine alternative schwullesbitchqueer-Party in einer Seitenstraße zur Reeperbahn. Es geht eine kleine schmale Treppe hinab, es ist dunkel, verraucht und eng. Männer. Definitiv schwul. Nur Männer. Halt, Korrektur, einige Frauen sind auch da. Auf den dritten Blick erkennen wir sie. Queere Frauen, wie sie sich heute nennen. Alternative Frauen mit Basecap, die die traditionellen Geschlechterrollen und -grenzen aufheben und daher zunächst nicht als Frauen zu erkennen sind. Bei der Person hinter dem Tresen sind wir uns bis zum Schluss jedoch nicht sicher ob Mann oder Frau.
Die Musik ist besser als auf der Party zuvor. Dafür gibt es keinen Platz und noch weniger Sauerstoff.
Meine Begleitung japst noch zwei Straßen weiter nach Luft, als wir den Laden Minuten später wieder verlassen.
Auf dem Weg zur U-Bahn kommen wir wieder an der anderen Party vorbei. Wir schauen uns an: „Wollen wir?“ Den Abend nicht loslassen wollen. Wortlos drehen wir uns um und gehen zurück. Wer weiß, vielleicht ist die zweite Riege der Gäste interassanter und ohne Stöckelschuhe.
Frommer Wunsch. Die merkwürdige Elektro-Musik wummert weiter durch meinen Körper. Noch immer tanzen Frauen, die aussehen wie Heten und Heten sind und mit Männern flirten, noch immer sind da die Drillinge und die kleine Knabenhafte mit der Nerdbrille. Die Frauen mit ihren vielen zu großen Stöckelschuhen und in kurzen Röcken. Noch immer fehlen die klassischen Lesben. Und irgendwie auch nicht. Noch immer Spaß.

Es ist weit nach vier Uhr morgens, als wir zur U-Bahn gehen. Müde und erleichtert. Ein Abend ohne Dramen. Kein Absturz. Kein Aufwachen in irgendeiner Ecke mit irgendwem. Keine Highlightparty, aber kein Fiasko. Kein Wunsch nach einem erneuten Besuch der Bubble-Party, aber nach einer Wiederholung. Irgendwo, irgendwann auf einer anderen Party. Das Grauen des ersten Versuchs überwunden.
Besser noch: Es geht. Es geht auch anders. Es geht auch richtig gut.

mit den ramones nach berlin

Es gibt keinen Zufall. Mag ich auch manchmal daran zweifeln, an Tagen wie heute, in solchen Momenten weiß ich, es gibt sie nicht. Nichts ist Zufall.

Der Tag war ein gebrauchter. Ein Montag. Ein Satz mit X.
Ich schleppte mich in den Bus Richtung U-Bahn, als ein sehr dünner, ausgemergelter Mann in roter Blusonjacke, heller Jeans und wirren, langen braunen Locken, mühsam mit seinem Rollator in den Bus stieg. Er murmelte etwas unverständliches vor sich hin, als er den Klappsitz herunterklappen wollte. In dem Moment fuhr der Busfahrer los. Der Mann stolperte ein wenig nach vorne und konnte sich gerade noch auf den Beinen halten. Er schimpfte und zeterte vor sich hin, während er weiter versuchte, den Klappsitz herunterzuklappen. Ich half ihm schließich, doch das schien er nicht zu bemerken. Er setzte sich murmelnd auf den Sitz und wühlte in seinen Taschen. Die Haare hingen ihm ins Gesicht und doch, die dünne, ausgemergelte Gestalt, der gebrochene Körperbau, das schiefe Gesicht, und eben die besagten Haare, ließen mich an die Ramones denken, an Joey Ramone, den Sänger. Die Ramones, die heute vor 37 Jahren ihr gleichnamiges Debutalbum veröffentlichten. Ich ware durch eine Facebook-Nachricht daran erinnert worden und hatte seitdem den ganzen Tag „Rock and Roll Radio“ im Ohr, eines meiner Lieblingslieder.

Der „Joey Ramone“ aus dem Bus war immer noch mit den Utensilien in seinem Stoffbeutel beschäftigt, während ich darüber nachdachte, wie wohl Joey Ramone gelebt hätte, leben würde, wäre er nicht Sänger der Ramones gewesen.
Der Bus fuhr währenddessen geradeaus statt abzubiegen. „Wochenmarkt“, sagte der Busfahrer, was die anderen Fahrgäste mit lautem Schimpfen, verzweifeltem „Ich muss hier raus“ oder unflätigen Bemerkungen kommentierten. Der Busfahrer versuchte zu erklären, das er erst eine Wendemöglichkeit suchen müsste. Diese erkannte er jedoch dann nur nur in dem Kreisel vor dem Flughafen, was einen Umweg von mindestens 10 Minuten bedeuten würde. „Joey Ramone“, immer noch auf seinem Klappsitz, die Haare zerwühlt und im Gesicht hängend, erwiderte monoton: „Fahr doch gleich einen Umweg über Berlin.“
Während die Stimmung im Bus ins Unermessliche stieg, ein Mann auf Krücken, unablässig mit seinen Krücken auf den Boden polterte, während er den Busfahrer beschimpfte, andere Fahrgäste sofort an der nächsten Haltestelle aussteigen wollte, sagte er nur: „Fahr doch gleich über Berlin“. Dann beschäftigte er sich wieder mit seinem Beutel. Dann redet er weiter mit sich. Über die Packung Yoghurette, die ihm jemand weggegessen hatte.
Ich sah ihn an und sah Joey Ramone. Und er tat mir leid, beide taten mir leid. Auch wenn der eine schon tot ist. Ich wollte zu gern wissen, was dazu geführt hatte, dass der Mann in der roten Jacke am Rollator gehen musste. Ob er wusste, dass er aussah wie Joey Ramone. Ob er die Ramones überhaupt kannte.
Doch ich stieg an der nächsten Haltestelle aus und lief zur U-Bahn.
In der Bahn dachte ich noch noch über ihn nach, als wenige Stationen später ein großer Mann im feinen gestreiften Anzug die Bahn betrat und an Tür direkt mir gegenüber stehenblieb. Ich sah in sein Gesicht und sah: Evil Jared Hasselhoff. Der Bart. Das Gesicht. Die Konturen. Evil Jared Hasselhoff. Selbstverständlich, natürlich war es nicht der Evil Jared Hasselhoff. Dieser hätte sicher den Anzug nur wenige Sekunden getragen und wäre dann halbnackt durchs Abteil gesprungen. Oder er hätte auf jemanden uriniert. Den Kopf eines armen Menschen unter seine Achsel geklemmt. Doch er sah ihm verdammt ähnlich.
Gestern erst hatte ich zusammen mit einem Kollegen über die Bloodhound Gang gesprochen, hatte nach dem Namen von Evil Jared Hasselhoff im Internet gesucht, da er uns entfallen war. Heute stand „er“ in der Bahn.

Es gibt keine Zufälle.

hey ho, umweg über berlin;

Es gibt keinen Zufall. Mag ich auch manchmal daran zweifeln, an Tagen wie heute, in solchen Momenten weiß ich, es gibt sie nicht. Nichts ist Zufall.

Der Tag war ein gebrauchter. Ein Montag. Ein Satz mit X.
Ich schleppte mich in den Bus Richtung U-Bahn, als ein sehr dünner, ausgemergelter Mann in roter Blusonjacke, heller Jeans und wirren, langen braunen Locken, mühsam mit seinem Rollator in den Bus stieg. Er murmelte etwas unverständliches vor sich hin, als er den Klappsitz herunterklappen wollte. In dem Moment fuhr der Busfahrer los. Der Mann stolperte ein wenig nach vorne und konnte sich gerade noch auf den Beinen halten. Er schimpfte und zeterte vor sich hin, während er weiter versuchte, den Klappsitz herunterzuklappen. Ich half ihm schließich, doch das schien er nicht zu bemerken. Er setzte sich murmelnd auf den Sitz und wühlte in seinen Taschen. Die Haare hingen ihm ins Gesicht und doch, die dünne, ausgemergelte Gestalt, der gebrochene Körperbau, das schiefe Gesicht, und eben die besagten Haare, ließen mich an die Ramones denken, an Joey Ramone, den Sänger. Die Ramones, die heute vor 37 Jahren ihr gleichnamiges Debutalbum veröffentlichten. Ich ware durch eine Facebook-Nachricht daran erinnert worden und hatte seitdem den ganzen Tag „Rock and Roll Radio“ im Ohr, eines meiner Lieblingslieder.

Der „Joey Ramone“ aus dem Bus war immer noch mit den Utensilien in seinem Stoffbeutel beschäftigt, während ich darüber nachdachte, wie wohl Joey Ramone gelebt hätte, wäre er nicht Sänger der Ramones gewesen.
Der Bus fuhr währenddessen geradeaus statt abzubiegen. „Wochenmarkt“, sagte der Busfahrer, was die anderen Fahrgäste mit lautem Schimpfen, verzweifeltem „Ich muss hier raus“ oder unflätigen Bemerkungen kommentierten. Der Busfahrer versuchte zu erklären, das er erst eine Wendemöglichkeit suchen müsste. Diese erkannte er jedoch dann nur nur in dem Kreisel vor dem Flughafen, was einen Umweg von mindestens 10 Minuten bedeuten würde. „Joey Ramone“, immer noch auf seinem Klappsitz, die Haare zerwühlt und im Gesicht hängend, erwiderte monoton: „Fahr doch gleich einen Umweg über Berlin.“
Während die Stimmung im Bus ins Unermessliche stieg, ein Mann auf Krücken unablässig mit seinen Krücken auf den Boden polterte und dabei den Busfahrer wüst beschimpfte, andere Fahrgäste sofort an der nächsten Haltestelle aussteigen wollten, sagte „Joey Ramone“ nur: „Fahr doch gleich über Berlin“. Dann beschäftigte er sich wieder mit seinem Beutel. Dann redet er weiter mit sich. Über die Packung Yoghurette, die ihm jemand weggegessen hatte.
Ich sah ihn an und sah Joey Ramone. Und er tat mir leid, beide taten mir leid. Auch wenn der eine schon tot ist. Ich wollte zu gern wissen, was dazu geführt hatte, dass der Mann in der roten Jacke am Rollator gehen musste. Ob er wusste, dass er aussah wie Joey Ramone. Ob er die Ramones überhaupt kannte. Wer ihm die Packung Yoghurette weggegessen hatte. Wer er war, bevor er wurde was er ist. Wer er ist.
Doch ich stieg an der nächsten Haltestelle aus und lief zur U-Bahn.
In der Bahn dachte ich noch noch über ihn nach, als wenige Stationen später ein großer Mann im feinen gestreiften Anzug die Bahn betrat und an Tür direkt mir gegenüber stehenblieb. Ich sah in sein Gesicht und sah: Evil Jared Hasselhoff. Der Bart. Das Gesicht. Die Konturen. Evil Jared Hasselhoff. Selbstverständlich, natürlich war es nicht DER Evil Jared Hasselhoff. Dieser hätte sicher den Anzug nur wenige Sekunden getragen und wäre dann halbnackt durchs Abteil gesprungen. Oder er hätte auf jemanden uriniert. Den Kopf eines armen Menschen unter seine Achsel geklemmt. Doch er sah ihm verdammt ähnlich.
Gestern erst hatte ich mit einem Kollegen in der Mittagspause über die Bloodhound Gang gesprochen, hatte nach dem Namen von Evil Jared Hasselhoff im Internet gesucht, da er uns entfallen war. Heute stand „er“ in der Bahn.

Es gibt keine Zufälle.

let’s start a war…;

Joy Division, Nina Hagen, New Order, The Cure, Siouxsie and the Banshees, Dead Kennedys und, natürlich, Exploited – es war Mitte 80er Jahre, als mein bester Freund und ich die Musik jenseits der Stock-Aitken-Waterman-Chartsmusik für uns entdeckten: Indie-Musik, wie sie damals noch genannt wurde. Wie ein Donnnerhall dröhnte die Musik durch unsere kleine, vermeintlich heile Welt auf der Schwäbischen Alb und wirbelte uns kräftig durcheinander. Wie paralysiert rannten wir fast jeden Nachmittag in den einzigen Plattenladen der Kleinstadt. „33 1/3“ – unser Vinyl-Mekka. Bei einem dieser Besuche fiel uns das dritte Album von Exploited in die Hände; „Let’s start a war“ stand auf der Vorderseite, und auf der Rückseite in weißen Lettern: „…said Maggie one day“. Wow! Laut! Dreckig! Radikal! Genau unsere Wellenlänge. Gekauft. Im Zimmer meines Freundes tauchten wir die nächsten Tage ein in den englischen Punk und lernten, ohne Google und Wikipedia, eine Menge über Maggie, England, den Punk und den Krieg.
Gestern ist Maggie Thatcher gestorben.
Als ich die Nachricht auf der queer.de-Homepage las, fiel mir als erstes nicht ihre Abneigung und Bekämpfung der Homosexuellen ein, sondern Exploited, das Albumcover: Let’s start a war…
Auch wenn „Let’s start a war“ nicht das bester Exploited-Album für mich war und bis heute ist, hatte ich bei der Nachricht sofort das Albumcover vor Augen und „Should we can’t we“ im Ohr.
Nur langsam erinnerte ich mich wieder an Maggies politische Zeit, an das, was die Ära Thatcher was die Eiserne Lady in Großbritannien und der Welt auslöste.
Vielleicht war ich damals zu jung, um die politischen Zusammenhänge begreifen und verarbeiten zu können. Für uns damals war Maggie Thatcher die Böse per se, die Feindin, die, die den Krieg auf den Falklandinseln anzettelte und Zuhause in Großbritannien einen gnadenlosen Privatisierungszug führte. Die, die Exploited zu diesem Cover und mehreren Songs animierte. Ich mag Exploited immer noch.
Denke ich an Maggie Thatcher, denke ich an Exploited. Immer noch.

„Gut sehen Sie aus“;

Gestern sprach mich ein Aufstellerschild vor einer Bar im Karoviertel an. „Hallo Sie!“ sagte das Schild und ich blieb abrupt stehen. „Gut sehen Sie heute aus“, sagte das Schild weiter und ich musste lachen. „Wie wäre es zur Feier des Tages mal mit Alkohol!“
Jawoll. Endlich Mal was anderes als die üblichen „Lumumba-Caipirina-happy-hour-bis-18-Uhr-nur-3-Euro-Einladungen“. Schlicht und schnöde und direkt einfach nur: „Wie wäre es mit Alkohol?“. Nicht lange fackeln, Kopf in Nacken. Kein Darumherumgerede und wischiwaschi. Alkohol. Zur Feier des Tages. Klar und frei heraus. Jawoll.
Nun trinke ich keinen Alkohol. Und was schon Lumumba, Caipi und happyhour nicht schafften, das brachte auch das Schild nicht fertig. Ich fotografierte das Schild und ging weiter. Ohne Alkohol. Über die derart offensichtliche Aufforderung zum Konsum von Alkohol ließe sich sicherlich auch trefflich disktieren (an anderer Stelle). Mich amüsierte und amüsiert allerdings immer noch die klare Ansprache. Mal etwas anderes im tristen Einerlei der „Happy-hour-Spaghetti-in-Muschelsahnesauce“-Schilder. Mal etwas richtig gutes.

der dienstag der ein montag ist;

Heute ist Dienstag, arbeitstechnisch betrachtet jedoch ein Montag, da gestern – am Montag – Feiertag war. Heute war also ein fast gefühlter Montag; „fast“, denn Morgen ist schon Mittwoch, der sich als Arbeitsnehmer wiederum sehr gut anfühlt: Mittwoch bedeutet Mitte der Woche, die Hälfte der Arbeit schon geschafft. Der Freitag und damit auch das Wochenende in Sicht.
Und wieder einmal denke ich an einem diesem Dienstag, dem gefühlten Montag, an Israel, wo der Montag ein Sonntag ist (oder der Sonntag ein Montag). Nicht zuletzt heißt Sonntag auf Hebräisch rischon, der erste Tag der Woche.
Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch – wie sehr wir doch von unserer Arbeitswelt, von solchen Begrifflichkeiten geprägt sind.

rock’n’roll und yoga;

Yoga war nie mein Ding. Bis ich vor vier Jahren Bikram Yoga für mich entdeckte. Bikram Yoga, die Praxis aus anstrengenden, aber nicht allzu artistischen Übungen, den Asanas, bei hoher Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Keine Klangschalen, kein Mantrasingen, kein esoterischer Stuhlkreis. Und dennoch Yoga, ein Teil des Yogaweges: zu sich selbst finden, geistige und körperliche Konzentration.

Je länger ich Yoga praktiziere, umso mehr spüre ich, wie sehr ich es mittlerweile als Teil meines Lebens brauche. Für mich, meinen Geist, meinen Körper. Wie sehr es mich fordert, mich beruhigt, mich an meine psychische und physische Grenze bringt, wie es mich dadurch ruhiger und gelassener werden lässt. Yoga is what you do outside the room.
Mein Leben hat sich mit Yoga verändert. Ich habe mich verändert. Vieles ist leichter geworden, ruhiger.

Dennoch gibt es auch bei mir Tage, Momente, da läuft nichts zusammen. Da geht vieles schief, Träume zerplatzen, da bin ich traurig, wütend, enttäuscht. Die Tage sind selten, ich rege mich nicht mehr leicht auf, bin gelassener.
Doch es passiert. Warum auch nicht? Ich bin Mensch.
Das sind Tage, Momente, da hilft, auch wenn ich es vermeiden möchte, einfach nur ausgesprochenes „fuck“. Ein „Mist“. Ein „damn“. Zu mir selbst gesprochen. Um zu akzeptieren das fuck, Mist, damn und um dann loszulassen.

Vorhin stand ich in einem Zeitschriftenladen und habe mich durch einige Yogazeitschriften gelesen. Asanas für einen gesunden Schlaf werden vorgestellt, es gibt ein Sonderheft „Yoga für die Familie“, die Themen sind „Schwanger in die Yogastunde“, „Politik und Yoga“, „Vegetarismus und Yoga“, „Yogareisen“, „Yogaspots in Mainz“ usw. Alles sicher interessant und lesenswert. Dennoch fehlte mir etwas. Das „fuck“ darin, die Zweifel, die Power, der „Rock’n’Roll“ im Yoga.

Om und Shanti sind wichtig, keine Frage. Die Lehre, die Philosphie, der Yogaweg. Für viele Yogis auch die Klangschalen und das Singen.
Manchmal, so dachte ich mir, darfs für einige Yogis aber auch ruhig ein bißchen mehr Power sein, auf und neben der Matte.

Heute bin ich so ein Yogi. Heute hätte ich gern eine etwas andere Yogazeitschrift. „Yoga’n’Roll“. „Rock’n’Yoga“. Oder so.

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©das-semikolon-blog.de

die Zeit;

Gestern erzählte mir eine Freundin von ihrem Seelenschmerz. Im Verlauf des Gesprächs meinte sie irgendwann, dass es die Zeit bringen wird. Ich entgegnete, dass die Zeit nichts bringen wird, sie läuft weiter, ticktack, so wie sie es immer tut.

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, über diese Sprüche „die Zeit heilt alle Wunden“, „die Zeit wird es zeigen“ usw. Es sind Floskeln für mich, denn die Zeit ist nichts weiter als eine von Menschen geschaffene physikalische Größeneinheit.

Die Zeit ändert nichts, wenn, dann ändere ich mich. Die Zeit heilt nicht meine Wunden. Meine Wunden verändern sich, denn ich ändere mich. Der Schmerz wird nicht weniger, nur weil Stunden vergehen, Jahre, Jahrzehnte verstreichen. Ich löse keine Probleme, indem ich auf die Uhr schaue.

Was die Zeit kann, wenn ich es zulasse – Dingen Zeit geben. Ich kann meinem Schmerz Zeit geben, Zeit, mich in dem Gewühl aus Trauer-Wut-Verzweiflung zurechtzufinden, ich kann lernen zu akzeptieren, dass die Dinge so sind wie sie gerade sind. Indem ich akzeptiere, ändere ich meine Sicht und Haltung und bin irgendwann fähig, abzuschließen, loszulassen, neu anzufangen.

Ich gebe mir Zeit. Ich akzeptiere.
Dann beginnt Veränderung.
Dann beginnt eine neue Zeit.
Für mich.
Nicht auf der Uhr.
Die läuft einfach weiter. Ticktack.

Vorsatz;

Ich mag keine Vorsätze. Vorsätze klingen nach einem berauschtem Silvester, bei dem man freudetrunken sich irgendwelche Dinge vornimmt, nur um auch etwas zum Allgemeinen „Nächstes Jahr wird alles anders“-Geplänkel beigetragen zu haben.
Ich erlebe Vorsätze jedes Jahr in meinem Yogastudio. Im Januar strömen die Massen zum Yoga und auf die Matte, die Schuhe stapeln sich am Eingang, dass ich jedes Mal an die Szene aus „Michel aus Lönneberga“ denken muss, in der Michel und Klein-Ida die Schuhe der Kirchenbesucher durcheinanderbrachten. Menschen mit Berührungsängsten sind hier fehl am Platz, in der Umkleide ist Körperkontakt angesagt. Die Welle dieser euphorischer Neu-Yoginis ist gut für den Umsatz für die Besitzer des Yogastudios, für alle anderen eher anstrengend. Im Februar ebbt die Welle dann langsam ab, bis im März nur noch die zum Yoga kommen, die auch ernsthaft dabei bleiben. Eine Handvoll vielleicht.
Ein Vorsatz ist prinzipiell nicht schlecht; zu sagen, ich möchte dieses oder jenes ändern, dieses oder jenes starten, ist Voraussetzung, um überhaupt etwas zu beginnen. Aber brauche ich dafür ein Datum – Silvester! – um damit loszulegen? Alles was ich brauche, um das zu tun, was ich tun möchte, was ich mir vorgenommen habe, ist Entschlossenheit.
Was jedoch nicht immer einfach ist.
Die letzten Wochen habe ich zum Beispiel lange gegrübelt, hin und her überlegt, wie ich meinen nächsten Urlaub veringen möchte. Wo soll ich buchen? Wann soll ich reisen? Im Juli oder doch lieber im September? Wie viel Zeit möchte ich in Tel Aviv, wie viel in Jerusalem verbringen? Oder soll ich doch lieber nur an den See Genezareth? Ich habe Tage damit verbracht, mir einen Kopf zu machen und unter all diesen Fragen das Entscheidende begraben: Möchte ich überhaupt dorthin?
Dabei hatte ich „nur“ Angst. Da war kein Vorsatz mehr. Da war nur noch Angst. Angst und Horrorszenarien von „Wunder-was-mir-dort-passieren-könnte“. Angst begräbt Reisewunsch. Entschlossenheit futsch.
Angst ist eine sinnvolle Einrichtung des Körpers. Angst macht einen offen, Gefahren besser zu erkennen. Angst kann jedoch auch lähmen, da mag die Entschlossenheit noch so groß sein.
Als ich mir meiner Angst bewusst wurde und mir freundschaftliche Unterstützung holte, war es nur noch ein kurzer Weg bis zur Flugbuchung, genauergesagt zwei Tage. Jetzt habe ich ein Ticket, noch keine Unterkunft und keinen Plan, wie und wo ich die 14 Tage verbringen werde, doch dies wird sich finden.

Entschlossenheit benötige ich auch, um meine Arbeitsweise zu ändern. Weg vom ungesunden Dauer-am-Schreibtisch-sitzen, sich für jeden Arbeitsschritt zwischen die Abteilungsfronten zu begeben. Pausen nehmen, raus aus dem Büro, Arbeit und Verantwortung abgeben, im weitesten Sinne auch das Engagement herunterfahren. Dieser Schritt fällt mir schwerer als die Flugbuchung nach Israel. Wohl weil ich spüre, dass so wie es jetzt läuft, ich nicht mehr mitlaufen möchte. Doch was, wenn mein Vorsatz sich im Geflecht der Firmenbürokratie nicht umsetzen lässt? Was ist dann die Konsequenz?

Hätte, könnte, würde.
Fragenkarusell.
„Steigen Sie ein! Hereinspaziert! Heute jede Fahrt frei!“
Machen. Einfach machen.
Auch in diesem Punkt.