Ein langer Weg;

Ist es ein Blick? Ist es eine Körperhaltung oder doch eine Geste? Vielleicht war es auch etwas, das ich hörte. Von ihm, von anderen über ihn. Oder die Summe aus allem.

Ich weiß nicht und werde es nie klären können, weshalb ich ihm gegenüber voller Vorurteile war. Seit gut vier Jahren begegnen wir uns regelmäßig im Yogaraum. Wir sind uns unzählige Male über den Weg gelaufen, haben hunderte von Stunden nebeneinander bei Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit unsere Übungen gemacht. Wir haben uns angesehen und nie ein Wort gewechselt. Im Laufe der Zeit habe ich ein Bild von diesem Menschen aufgebaut, das allem Anschein nach falsch ist – arrogant und eingebildet. Das war er für mich. Kein schlechter Mensch, doch einer, der sich für etwas besser hielt als ich es bin. Daher grüßte er mich ja auch nie. Oder sah mich an.

Ich selbst, da bin ich mir sicher, mag auf ihn sicher auch indifferent gewirkt haben. Von sehr kommunikativ bis total verschlossen. Meine mitunter ruhige Art kombiniert mit meinem angespannten Gesichtsausdruck, der im totalen Widerspruch zu meiner Gemütslage stets, kann auch als schlicht arrogant interpretiert werden. Ich weiß.

Dabei – wir spielen beide im selben Verein. Eigentlich stets eine solide Basis für eine gewisse Grundsympathie und ein „Hallo“ (im selben Team, bei Frauen sieht dies wieder anders aus; aber das ist auch eine andere Geschichte).

Nun liefen wir uns vergangenes Jahr bei einem Laufwettbewerb über den Weg. Ich kam gerade aus dem Umkleidezelt und sah ihn. Er war wohl ebenso überrascht wie ich es war. Wir grüßten uns kurz zu.
Einige Tage später im Yogaraum redeten wir über den Lauf.
Vergangene Woche dann sprach er mich. Ich war lange krank, er hat sich gewundert, wo ich abgeblieben war.

Wir tauschten uns darüber und weiteres eine Weile aus und ich stellte fest, dass mein Yogaweg mit „nicht bewerten, nicht veruteilen“ ein sehr langer ist. Er scheint ein netter Mensch zu sein, jemand, der sich Gedanken um Andere macht und nicht stumpf, wie ich und viele Andere dachten, sein Yoga durchzieht. Das freut mich.

Die Gründe, warum letztendlich wir nie ein Wort wechselten und uns gepflegt ignorierten, werde ich nie erfahren. Ich nehme dies hin.
Ich nehme stattdessen mit als Vorhaben, meine Vorurteile und Gedanken über Andere lieber immer noch ein zweites Mal zu überdenken und auch meine Rolle in der Konstellation genauer zu betrachten.

Nicht bewerten. Nicht veruteilen.
Ein langer Weg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst diese HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>