der dienstag der ein montag ist;

Heute ist Dienstag, arbeitstechnisch betrachtet jedoch ein Montag, da gestern – am Montag – Feiertag war. Heute war also ein fast gefühlter Montag; „fast“, denn Morgen ist schon Mittwoch, der sich als Arbeitsnehmer wiederum sehr gut anfühlt: Mittwoch bedeutet Mitte der Woche, die Hälfte der Arbeit schon geschafft. Der Freitag und damit auch das Wochenende in Sicht.
Und wieder einmal denke ich an einem diesem Dienstag, dem gefühlten Montag, an Israel, wo der Montag ein Sonntag ist (oder der Sonntag ein Montag). Nicht zuletzt heißt Sonntag auf Hebräisch rischon, der erste Tag der Woche.
Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch – wie sehr wir doch von unserer Arbeitswelt, von solchen Begrifflichkeiten geprägt sind.

rock’n’roll und yoga;

Yoga war nie mein Ding. Bis ich vor vier Jahren Bikram Yoga für mich entdeckte. Bikram Yoga, die Praxis aus anstrengenden, aber nicht allzu artistischen Übungen, den Asanas, bei hoher Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Keine Klangschalen, kein Mantrasingen, kein esoterischer Stuhlkreis. Und dennoch Yoga, ein Teil des Yogaweges: zu sich selbst finden, geistige und körperliche Konzentration.

Je länger ich Yoga praktiziere, umso mehr spüre ich, wie sehr ich es mittlerweile als Teil meines Lebens brauche. Für mich, meinen Geist, meinen Körper. Wie sehr es mich fordert, mich beruhigt, mich an meine psychische und physische Grenze bringt, wie es mich dadurch ruhiger und gelassener werden lässt. Yoga is what you do outside the room.
Mein Leben hat sich mit Yoga verändert. Ich habe mich verändert. Vieles ist leichter geworden, ruhiger.

Dennoch gibt es auch bei mir Tage, Momente, da läuft nichts zusammen. Da geht vieles schief, Träume zerplatzen, da bin ich traurig, wütend, enttäuscht. Die Tage sind selten, ich rege mich nicht mehr leicht auf, bin gelassener.
Doch es passiert. Warum auch nicht? Ich bin Mensch.
Das sind Tage, Momente, da hilft, auch wenn ich es vermeiden möchte, einfach nur ausgesprochenes „fuck“. Ein „Mist“. Ein „damn“. Zu mir selbst gesprochen. Um zu akzeptieren das fuck, Mist, damn und um dann loszulassen.

Vorhin stand ich in einem Zeitschriftenladen und habe mich durch einige Yogazeitschriften gelesen. Asanas für einen gesunden Schlaf werden vorgestellt, es gibt ein Sonderheft „Yoga für die Familie“, die Themen sind „Schwanger in die Yogastunde“, „Politik und Yoga“, „Vegetarismus und Yoga“, „Yogareisen“, „Yogaspots in Mainz“ usw. Alles sicher interessant und lesenswert. Dennoch fehlte mir etwas. Das „fuck“ darin, die Zweifel, die Power, der „Rock’n’Roll“ im Yoga.

Om und Shanti sind wichtig, keine Frage. Die Lehre, die Philosphie, der Yogaweg. Für viele Yogis auch die Klangschalen und das Singen.
Manchmal, so dachte ich mir, darfs für einige Yogis aber auch ruhig ein bißchen mehr Power sein, auf und neben der Matte.

Heute bin ich so ein Yogi. Heute hätte ich gern eine etwas andere Yogazeitschrift. „Yoga’n’Roll“. „Rock’n’Yoga“. Oder so.

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©das-semikolon-blog.de

die Zeit;

Gestern erzählte mir eine Freundin von ihrem Seelenschmerz. Im Verlauf des Gesprächs meinte sie irgendwann, dass es die Zeit bringen wird. Ich entgegnete, dass die Zeit nichts bringen wird, sie läuft weiter, ticktack, so wie sie es immer tut.

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, über diese Sprüche „die Zeit heilt alle Wunden“, „die Zeit wird es zeigen“ usw. Es sind Floskeln für mich, denn die Zeit ist nichts weiter als eine von Menschen geschaffene physikalische Größeneinheit.

Die Zeit ändert nichts, wenn, dann ändere ich mich. Die Zeit heilt nicht meine Wunden. Meine Wunden verändern sich, denn ich ändere mich. Der Schmerz wird nicht weniger, nur weil Stunden vergehen, Jahre, Jahrzehnte verstreichen. Ich löse keine Probleme, indem ich auf die Uhr schaue.

Was die Zeit kann, wenn ich es zulasse – Dingen Zeit geben. Ich kann meinem Schmerz Zeit geben, Zeit, mich in dem Gewühl aus Trauer-Wut-Verzweiflung zurechtzufinden, ich kann lernen zu akzeptieren, dass die Dinge so sind wie sie gerade sind. Indem ich akzeptiere, ändere ich meine Sicht und Haltung und bin irgendwann fähig, abzuschließen, loszulassen, neu anzufangen.

Ich gebe mir Zeit. Ich akzeptiere.
Dann beginnt Veränderung.
Dann beginnt eine neue Zeit.
Für mich.
Nicht auf der Uhr.
Die läuft einfach weiter. Ticktack.

Vorsatz;

Ich mag keine Vorsätze. Vorsätze klingen nach einem berauschtem Silvester, bei dem man freudetrunken sich irgendwelche Dinge vornimmt, nur um auch etwas zum Allgemeinen „Nächstes Jahr wird alles anders“-Geplänkel beigetragen zu haben.
Ich erlebe Vorsätze jedes Jahr in meinem Yogastudio. Im Januar strömen die Massen zum Yoga und auf die Matte, die Schuhe stapeln sich am Eingang, dass ich jedes Mal an die Szene aus „Michel aus Lönneberga“ denken muss, in der Michel und Klein-Ida die Schuhe der Kirchenbesucher durcheinanderbrachten. Menschen mit Berührungsängsten sind hier fehl am Platz, in der Umkleide ist Körperkontakt angesagt. Die Welle dieser euphorischer Neu-Yoginis ist gut für den Umsatz für die Besitzer des Yogastudios, für alle anderen eher anstrengend. Im Februar ebbt die Welle dann langsam ab, bis im März nur noch die zum Yoga kommen, die auch ernsthaft dabei bleiben. Eine Handvoll vielleicht.
Ein Vorsatz ist prinzipiell nicht schlecht; zu sagen, ich möchte dieses oder jenes ändern, dieses oder jenes starten, ist Voraussetzung, um überhaupt etwas zu beginnen. Aber brauche ich dafür ein Datum – Silvester! – um damit loszulegen? Alles was ich brauche, um das zu tun, was ich tun möchte, was ich mir vorgenommen habe, ist Entschlossenheit.
Was jedoch nicht immer einfach ist.
Die letzten Wochen habe ich zum Beispiel lange gegrübelt, hin und her überlegt, wie ich meinen nächsten Urlaub veringen möchte. Wo soll ich buchen? Wann soll ich reisen? Im Juli oder doch lieber im September? Wie viel Zeit möchte ich in Tel Aviv, wie viel in Jerusalem verbringen? Oder soll ich doch lieber nur an den See Genezareth? Ich habe Tage damit verbracht, mir einen Kopf zu machen und unter all diesen Fragen das Entscheidende begraben: Möchte ich überhaupt dorthin?
Dabei hatte ich „nur“ Angst. Da war kein Vorsatz mehr. Da war nur noch Angst. Angst und Horrorszenarien von „Wunder-was-mir-dort-passieren-könnte“. Angst begräbt Reisewunsch. Entschlossenheit futsch.
Angst ist eine sinnvolle Einrichtung des Körpers. Angst macht einen offen, Gefahren besser zu erkennen. Angst kann jedoch auch lähmen, da mag die Entschlossenheit noch so groß sein.
Als ich mir meiner Angst bewusst wurde und mir freundschaftliche Unterstützung holte, war es nur noch ein kurzer Weg bis zur Flugbuchung, genauergesagt zwei Tage. Jetzt habe ich ein Ticket, noch keine Unterkunft und keinen Plan, wie und wo ich die 14 Tage verbringen werde, doch dies wird sich finden.

Entschlossenheit benötige ich auch, um meine Arbeitsweise zu ändern. Weg vom ungesunden Dauer-am-Schreibtisch-sitzen, sich für jeden Arbeitsschritt zwischen die Abteilungsfronten zu begeben. Pausen nehmen, raus aus dem Büro, Arbeit und Verantwortung abgeben, im weitesten Sinne auch das Engagement herunterfahren. Dieser Schritt fällt mir schwerer als die Flugbuchung nach Israel. Wohl weil ich spüre, dass so wie es jetzt läuft, ich nicht mehr mitlaufen möchte. Doch was, wenn mein Vorsatz sich im Geflecht der Firmenbürokratie nicht umsetzen lässt? Was ist dann die Konsequenz?

Hätte, könnte, würde.
Fragenkarusell.
„Steigen Sie ein! Hereinspaziert! Heute jede Fahrt frei!“
Machen. Einfach machen.
Auch in diesem Punkt.

Ein langer Weg;

Ist es ein Blick? Ist es eine Körperhaltung oder doch eine Geste? Vielleicht war es auch etwas, das ich hörte. Von ihm, von anderen über ihn. Oder die Summe aus allem.

Ich weiß nicht und werde es nie klären können, weshalb ich ihm gegenüber voller Vorurteile war. Seit gut vier Jahren begegnen wir uns regelmäßig im Yogaraum. Wir sind uns unzählige Male über den Weg gelaufen, haben hunderte von Stunden nebeneinander bei Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit unsere Übungen gemacht. Wir haben uns angesehen und nie ein Wort gewechselt. Im Laufe der Zeit habe ich ein Bild von diesem Menschen aufgebaut, das allem Anschein nach falsch ist – arrogant und eingebildet. Das war er für mich. Kein schlechter Mensch, doch einer, der sich für etwas besser hielt als ich es bin. Daher grüßte er mich ja auch nie. Oder sah mich an.

Ich selbst, da bin ich mir sicher, mag auf ihn sicher auch indifferent gewirkt haben. Von sehr kommunikativ bis total verschlossen. Meine mitunter ruhige Art kombiniert mit meinem angespannten Gesichtsausdruck, der im totalen Widerspruch zu meiner Gemütslage stets, kann auch als schlicht arrogant interpretiert werden. Ich weiß.

Dabei – wir spielen beide im selben Verein. Eigentlich stets eine solide Basis für eine gewisse Grundsympathie und ein „Hallo“ (im selben Team, bei Frauen sieht dies wieder anders aus; aber das ist auch eine andere Geschichte).

Nun liefen wir uns vergangenes Jahr bei einem Laufwettbewerb über den Weg. Ich kam gerade aus dem Umkleidezelt und sah ihn. Er war wohl ebenso überrascht wie ich es war. Wir grüßten uns kurz zu.
Einige Tage später im Yogaraum redeten wir über den Lauf.
Vergangene Woche dann sprach er mich. Ich war lange krank, er hat sich gewundert, wo ich abgeblieben war.

Wir tauschten uns darüber und weiteres eine Weile aus und ich stellte fest, dass mein Yogaweg mit „nicht bewerten, nicht veruteilen“ ein sehr langer ist. Er scheint ein netter Mensch zu sein, jemand, der sich Gedanken um Andere macht und nicht stumpf, wie ich und viele Andere dachten, sein Yoga durchzieht. Das freut mich.

Die Gründe, warum letztendlich wir nie ein Wort wechselten und uns gepflegt ignorierten, werde ich nie erfahren. Ich nehme dies hin.
Ich nehme stattdessen mit als Vorhaben, meine Vorurteile und Gedanken über Andere lieber immer noch ein zweites Mal zu überdenken und auch meine Rolle in der Konstellation genauer zu betrachten.

Nicht bewerten. Nicht veruteilen.
Ein langer Weg.

ach;

Ach, denke ich, denke ich an Israel in diesen Tagen. Ich denke ach Israel, ich sehe die Sonne, wie sie reflektiert auf dem beigefarbenen Asphalt, wie sie brennt auf meiner Haut, wie sie die Stadt erstrahlen lässt in hellem Glanz. Die goldene Kuppel. Hoch oben auf dem Berg, thronend über der Stadt für alle Religionen. Der Sand am Meer, die roten Plastikstühle am Wasser. Ein Mann, mit dem ich bei einem meiner Läufe sprach. Über Deutschland, Hamburg. Die Westbank, das Westjordanland. Der Checkpoint. Nicht zur Deko die Schutzräume in jeder Wohnung, die Kontrollen vor jedem Geschäft.
Jetzt, mal wieder, so akut wie seit Jahrzehnten nicht, stehen sich die beiden Welten in diesem kleinen Landstrich gegenüber, Stirn an Stirn. Sie drohen nicht mehr, sie lassen Raken fliegen, Bomben fallen. Hier wie dort. Keiner von beiden geht zurück, keiner gibt nach. Beide wollen alles. Ganz oder gar nicht. Wer hat angefangen? Das ewig gleiche Spiel. Ein Spiel ohne Antworten. So einfach, zu einfach von außen zu urteilen.
Ach Israel, denke ich. Ach, denn mir fehlen die Worte.

wie cineastisch;

Ich laufe durch die Straßen die mein Zuhause geografisch belegen an diesem Morgen mit dunklen Wolken nach Tagen der Ruhe des Herumliegens setze ich Fuß vor Fuß mache Schritt für Schritt ich versuche anzugleichen mein Leben mit meinen Wünschen meinen Träumen doch es will nicht so recht passen Viereck ins Dreieck

Und der Regen fällt mir auf den Kopf und ich weiß nicht wie lange ich das noch ertrage dieses Grau in Grau in diesen Tagen es reicht nicht dass ich nichts von dir allen höre nein es muss regnen obendrein
wie cineastisch

Ich sehe die Menschen wie sie hetzen und rennen gleich unserem Treiben wie sie versuchen den Tropfen auszuweichen indem sie sich ducken den Kopf einziehen und schneller laufen obwohl sie wissen physikalisch ist es unmöglich sie tun es dennoch (doch tun wir ihnen es nicht gleich?)

Immer wieder kommt die Sonne heraus und zeigt sich für ein paar Minuten wie Wasser nach einem Zehnkilometerlauf sauge ich sie dann auf und schöpfe Hoffnung ein Lichtkegel wie in der Grabeskirche fällt auf mein Leben siehe! es ist doch alles da

Und doch dann fällt der Regen mir wieder auf den Kopf und ich weiß nicht wie lange ich das noch ertrage dieses Nasskalte in diesen Tagen es reicht nicht, dass ich aufgerüttelt bin nein es muss regnen obendrein
wie cineastisch

Es gab Zeiten in denen das Schwarz überwiegte die Trauer die Angst lähmende Glieder nach der Explosion folgte die Ruhe und mit ihr die Farben das Licht der Frieden mit mir der sich abgesetzt hat als Basis auf den Grund meines Ichs doch im oberen Stockwerk –

es brodelt es virbriert es gärt es tut sich etwas kein Stillstand nie Stillstand selbst in der Totenstellung bewegt sich etwas in dir in mir es geht voran es geht nach vorne Ende Anfang wie weit wohin wieso weshalb egal

– Bewegung tut gut. Sonne will scheinen.

Die Brücken;

Ich wollte nie hier wohnen. Vor über zwei Jahren war Veddel, Wilhelsmburg der allerletzte Ausweg bei der Wohnungssuche, der running gag: Wenn gar nichts mehr, auf der Veddel ist immer etwas frei.
Es war eine Wohnung frei, natürlich. Noch bevor es nicht mehr ging. Eine Wohnung, die alle anderen besichtigten Wohnungen an Preis/Leistung übertraf.
Seitdem fahre ich fast täglich mit der Bahn oder mit dem Fahrrad über die Brücken aufs „Festland“. Jedes Mal, wenn ich über die Brücken fahre, wenn ich die Elbe unter mit sehe, den Hafen auf der einen Seite, die Elbbrücken auf der anderen, werde ich frei. Ich fühle mich leicht und erleichtert, egal ob ich von oder nach Wilhelsmburg fahre.

Es sind nur wenige Minuten und doch werde ich in diesen Minuten einfach nur ruhig, ich genieße den Ausblick, wenn morgens sich die ersten Sonnenstrahlen in den Spiegelfenstern der Elbphilharmonie spiegeln, der Rauch aus den Schornsteinen der Fabriken steigt und der Nebel über dem Wasser hängt, wenn abends die glutrote Sonne über dem Hafen untergeht und die Kräne, majestätisch, in den Himmel ragen. Wenn im Winter die Eisschollen auf der Elbe treiben, bei Flut das Wasser bis weit über das Ufer steigt.
Ich wünsche mir oft, die Bahn möge einfach anhalten, so dass ich weiter schauen kann oder dass ich zumindest eine Kamera bei mir habe, um die Landschaft zu fotografieren.

Die Fahrt gibt mir das Gefühl, in einer echten Großstadt zu sein.
Ich denke oft an New York, wo es auf der anderen Seite des Rivers einen Stadtteil namens Williamsburg gibt, der auch über eine Brücke zu erreichen ist, der auch, vor ein paar Jahren zumindest noch, ein günstiges Viertel war, in das es Kreative und Künstler zog. Mittlerweile sind diese weitergezogen, denn wie überall blieb auch Williamsburg nicht vor Spekulanten und Immobilienmakler verschont, die die Mietpreise in die Höhe trieben und damit das Kreative aus dem Viertel vertrieb.

Ich hoffe, Wilhelmsburg und die Veddel bleiben davon verschont. Es ist dreckig hier an vielen Ecken, es ist laut und rau, die Menschen meist Arbeiter. Es gibt Trinker und Ausländer aus Polen, Rumänien und Bulgarien, die morgens an Straßenecken stehen und darauf warten, für irgendeinen Minijob abgeholt zu werden, es gibt Busfahrer, die einen morgens nach einem Sprint zum Bus mit den Worten begrüßen „Zahlst du 1 Euro extra. Strafkarte“, es gibt die Studenten mit ihren Trekkingrucksäcken, die jungen Familien, die samstags bei Budni die Bioecke leerkaufen und die Frauen mit Kopftuch oder der Burka. Es gibt die kleinen Einfamilienhäuser neben den Altbauwohnungen, die Moschee neben der Kirche, den Bunker und den Deich, auf dem immer wieder mal die Schafe grasen. Es gibt Kioske und Spielhalllen, mehr als das es Einkaufsmöglichkeiten gibt. Jeden Samstagnachmittag gibt es einen hupenden Autokorso durch die Straße als Abschluss (oder Beginn?) einer türkischen Hochzeit, bei der junge Menschen größere, neuere Autos fahren als ich es je in meinem Leben tun werde.
Das alles ist Wilhelmsburg, Veddel. Und noch mehr.

Wenn ich von der Stadt nach Hause fahre, über die Brücken, öffnet sich eine andere Welt und es ist doch mein Hamburg. Es ist Hamburg, wie ich es kennengelernt habe, als ich hierher zog, vor über 15 Jahren. Den Sprung über die Elbe möchte die Politik gerne machen und Wilhelmsburg, Harburg als Stadtteil erobern. Ich hoffe, dies endet nicht wie auf St. Pauli oder der Sternschanze und das, was den Kiez hier auszeichnet, das Eigenständige, bleibt erhalten. Auch meine S-Bahn über die Brücken, ratternd und polternd, eng, stickig und meistens überfüllt und doch immer mit einem Ausblick, der unbezahlbar ist.

Ich habe es mir nie vorstellen können; jetzt möchte ich in Hamburg nirgendwo anders wohnen.

Ab heute bin ich Rassistin;

„Rassistin!“
Da ist es. Plötzlich. Einfach so. Ich habe darüber gelesen, davon gehört, doch noch nie wurde mir derartiges ins Gesicht geschleudert.
Der Mann mit dem Rucksack schaute mich verächtlich und irgendwie auch triumphierend an.

Der Rucksack mit dem alles anfing.

Die Sonne schien vom Himmel. Noch schnell raus. Einmal die Woche muss es Fallafel sein. Zum Dammtor fahren, zum Fallafelhaus.
Ich setzte mich im Bus neben eine Freundin. Der Platz hinter dem Busfahrer, am Gang. An der dritten Haltestelle wurde es im Bus ziemlich voll, die Menschen gingen nicht mehr nach hinten durch, sondern blieben vorne stehen. Neben mich stellte sich ein Mann mit Rucksack. Der Rucksack stieß mir in die Schulter, dann lag er auf meinen Schenkeln. „Entschuldigung!“ Ich tippte den Mann an. Keine Reaktion. Vorsichtig schob ich den Rucksack von meinen Beinen weg. Daraufhin lehnte sich der Mann an die Plexiglaswand, die zwischen Busfahrer und dem Platz, auf dem ich sitze, angebracht ist. Sein linker Arm hing herunter, seine linke Hand liegt mehr oder weniger auf meinem Knie. Ich wieder „Entschuldigung!“ Wieder keine Reaktion. Ich drehte meine Beine weg und schimpfte leise vor mich hin. „Unmöglich“, meckert die Freundin neben mir und wir redeten über unangenehme Situationen in der Bahn. Rucksack im Gesicht. Männer, die einem breitbeinig gegenübersitzen. Hunde auf Sitzplätzen.
Aktuell hatte ich wieder den Rucksack auf den Beinen, dann halb im Gesicht. „Hallo!“ Keine Reaktion. Ich schob den Rucksack samt Mann nach vorne. Nur ein wenig, nur so, dass er spürte, er behindert mich.
Er spürte es und reagierte. Sein Freund auch.
Wie könne ich den Mann schubsen! Was fiele mir ein!
Ich versuchte zu erklären, dass ich weder geschubst noch dass es böse gemeint war, doch „natürlich, hast du geschubst!“ Der Freund wusste es besser. Und außerdem glaubte er seinem Freund. Er muss es nicht gesehen habe. Ich war aggressiv und habe geschubst.
Ach so. Ah ja.
Meine Freundin konnte sich kaum mehr zurückhalten und begann lauter zu schimpfen. Ich erklärte den Beiden, dass ich versucht hatte, ihm klar zu machen, dass der Rucksack mich behinderte. „Das ist ein Bus! Nimmst du nächstes Mal ein Taxi wenn du es gemütlich haben willst!“
„Ah so, verstehe. Wenn er aber die ganze Zeit über gemerkt hat, dass er seinen Rucksack auf meinen Beinen hat und mich bedrängt, wieso hat er sich dann nicht ein wenig weggestellt?“, fragte ich.
„Er ist auch ein Mensch! Musst du ihn nicht schubsen!“
Wieder das Schubsen. Ich sah dem Freund des angeblich Geschubsten in die Augen: „Schau mich an, schau ihn an, wie kann ich ihn schubsen?“
Ungeachtet beschimpfte er mich weiter, als die, die geschubst hat.
Das Gespräch drehte sich im Kreis. Mir wurde warm und ich hatte das Gefühl, alle im Bus starrten mich an.
Erst recht, als –
„Rassistin!“, sagte der Mann mit dem Rucksack plötzlich und starrte mich an.
Ich schaffte es noch Luft zu holen und irgendwie, ich weiß nicht wie, mit ruhiger Stimme zu sagen: „Genau, wenn nichts mehr an Argumenten geht, dann also das Todschlagargument Rassistin. Super. Zieht ja immer.“
Beide, der Mann mit dem Rucksack und sein Freund, sagten daraufhin nichts.
„Die wissen doch nicht einmal, was für eine Nationalität ich bin!“, sagte ich zu meiner Freundin, die auch sichtlich schockiert-entrüstet nach Worten suchte.

Mittlerweile hatte sich auch der Busfahrer in unser Gespräch eingeschaltet. „Nicht streiten, es ist so ein schöner Tag, sterben müssen wir alle eines Tages!“
„Wir streiten nicht“, sagte der Freund, „wir diskutieren.“
Oh ha. Das also ist eine Diskussion.
Bis zum Ausstieg waren nur noch wenige Meter, doch auch diese und unsere „Diskussion“ führte letztendlich zu keinem vernünftigen, für beide Seiten akzeptablem Ergebnis.
Wir stiegen aus.
Sie starrten mich weiter verächtlich an und schimpften.
Ich stieg einfach aus und versuchte ich zu sein, ich zu bleiben.

Später in der Bahn wird mir meine Freundin sagen, dass ich all die Zeit extrem ruhig und meine Stimme klar geblieben war. Auch meine Gesichtsfarbe hätte sich nicht verändert, auch wenn ich selbst das Gefühl hatte, einer Lavalampe ernsthafte Konkurrenz gemacht zu haben.
Erst später, als wir uns über die Situation unterhielten, wurde ich bleich, was zu meinen weichen Knien und dem Zittern im Magen passte.

Ich bin froh, ruhig geblieben zu sein und doch unglücklich, fassungslos und durcheinander.
Rassistin.
Ich versuche stets, derartigen Situationen aus dem Weg zu gehen, ich scheue die offene Auseinandersetzung in der Bahn oder im Bus um einen Sitzplatz oder um den Vortritt. Wenn mein Gefühl mir sagt, hier droht Ärger, ziehe ich mich zurück, wechsel notfalls sogar das Abteil oder steige ganz aus.
Jetzt, heute war plötzlich die Situation da. Und ich eine Rassistin.
Es ist nicht wahr, ich bin keine Rassistin, es ist ein Todschlagargument, ein Argument der Verzweiflung und noch viel mehr.
Und doch hat es mich getroffen – denn ich konnte und kann mich nicht wehren.

die orthodoxe begegnung;

Eine kleine Gasse von der Jaffastreet abgehend, in einen verwunschenen Innenhof. Ein orthodox gekléideter älterer Mann mit weißem, langen Bart, einem schwarzen Hut, Schläfenlocken und schwarzem Mantel kommt mir entgegen. Er schaut auf meine Kamera und ich zucke instinktiv etwas zusammen, doch er lächelt mich an und kommt direkt auf mich zu. Ich freue mich, denn ich würde gerne mit einem orthodoxen Juden ins Gespräch kommen, unverfänglich und ungezwungen.

Er beginnt, auf Ivrit zu sprechen. Ich schüttel den Kopf und sage: „Lo Ivrit. Lo Ivrit.“
„Where do you come from?“, fragt er.
„Hamburg, Germany.“
Er lächelt sanft und spricht: „No, here, where do you stay?“ Sein Englisch ist gebrochen und ich muss genau zuhören, um ihn zu verstehen.
„Keren Ha‘ Yesod.“, antworte ich und frage mich zugleich, weshalb ihn das interessiert und ob es so sinnvoll war, einem Fremden meine Adresse zu nennen. Meine Zweifel verwerfe ich dann aber doch schnell wieder. Schließlich habe ich nur die Straße genannt, und die ist ellenlang, zudem wohne ich dort nicht alleine und schlussendlich ist es möglich, dass er sich dafür interessiert ob ich länger in Israel bleibe oder nur für eine kurze Zeit, als Touristin.
„You stay alone?“
Ich beginne zu stutzen. „No, with two friends.“
„Oh, you’re not married.“ Er scheint erfreut.
Ah, verstehe. Dann endlich. „No.“
„I come with you.“ Er strahlt noch mehr. „I marry you.“, sagt er, als ich ihn ungläubig fragend anschaue.
Ich schüttel den Kopf und lehne dankend, aber dennoch höflich ab.
„Aaaah, I come with you, you are the best!“, sagt er und kommt noch näher. Erneut weise ich ihn ab und gehe mit einem „Shalom“ weiter.
Das war’s dann mit meinem erhofften Gespräch mit einem orthodoxen Juden.

Verstehe einer die Welt. Ob gestern beim Gang durch das jüdische und muslimische Viertel, ob heute in der Ben Yehuda Straße oder im arabischen Teil Jerusalems: Es sind Männer, die mich angrinsen oder „Hello how are you?“ sagen, die manchmal sogar stehenbleiben oder nach meinem Tattoo fragen („Is it real?“) oder dazu Sätze sagen wie „very nice“ (inklusive Daumen-hoch). Meine blondhaarige Begleitung mit all ihren weiblichen Vorzügen wird nicht beachtet. Verkehrte Welt, hier in Jerusalem.