Die Brücken;

Ich wollte nie hier wohnen. Vor über zwei Jahren war Veddel, Wilhelsmburg der allerletzte Ausweg bei der Wohnungssuche, der running gag: Wenn gar nichts mehr, auf der Veddel ist immer etwas frei.
Es war eine Wohnung frei, natürlich. Noch bevor es nicht mehr ging. Eine Wohnung, die alle anderen besichtigten Wohnungen an Preis/Leistung übertraf.
Seitdem fahre ich fast täglich mit der Bahn oder mit dem Fahrrad über die Brücken aufs „Festland“. Jedes Mal, wenn ich über die Brücken fahre, wenn ich die Elbe unter mit sehe, den Hafen auf der einen Seite, die Elbbrücken auf der anderen, werde ich frei. Ich fühle mich leicht und erleichtert, egal ob ich von oder nach Wilhelsmburg fahre.

Es sind nur wenige Minuten und doch werde ich in diesen Minuten einfach nur ruhig, ich genieße den Ausblick, wenn morgens sich die ersten Sonnenstrahlen in den Spiegelfenstern der Elbphilharmonie spiegeln, der Rauch aus den Schornsteinen der Fabriken steigt und der Nebel über dem Wasser hängt, wenn abends die glutrote Sonne über dem Hafen untergeht und die Kräne, majestätisch, in den Himmel ragen. Wenn im Winter die Eisschollen auf der Elbe treiben, bei Flut das Wasser bis weit über das Ufer steigt.
Ich wünsche mir oft, die Bahn möge einfach anhalten, so dass ich weiter schauen kann oder dass ich zumindest eine Kamera bei mir habe, um die Landschaft zu fotografieren.

Die Fahrt gibt mir das Gefühl, in einer echten Großstadt zu sein.
Ich denke oft an New York, wo es auf der anderen Seite des Rivers einen Stadtteil namens Williamsburg gibt, der auch über eine Brücke zu erreichen ist, der auch, vor ein paar Jahren zumindest noch, ein günstiges Viertel war, in das es Kreative und Künstler zog. Mittlerweile sind diese weitergezogen, denn wie überall blieb auch Williamsburg nicht vor Spekulanten und Immobilienmakler verschont, die die Mietpreise in die Höhe trieben und damit das Kreative aus dem Viertel vertrieb.

Ich hoffe, Wilhelmsburg und die Veddel bleiben davon verschont. Es ist dreckig hier an vielen Ecken, es ist laut und rau, die Menschen meist Arbeiter. Es gibt Trinker und Ausländer aus Polen, Rumänien und Bulgarien, die morgens an Straßenecken stehen und darauf warten, für irgendeinen Minijob abgeholt zu werden, es gibt Busfahrer, die einen morgens nach einem Sprint zum Bus mit den Worten begrüßen „Zahlst du 1 Euro extra. Strafkarte“, es gibt die Studenten mit ihren Trekkingrucksäcken, die jungen Familien, die samstags bei Budni die Bioecke leerkaufen und die Frauen mit Kopftuch oder der Burka. Es gibt die kleinen Einfamilienhäuser neben den Altbauwohnungen, die Moschee neben der Kirche, den Bunker und den Deich, auf dem immer wieder mal die Schafe grasen. Es gibt Kioske und Spielhalllen, mehr als das es Einkaufsmöglichkeiten gibt. Jeden Samstagnachmittag gibt es einen hupenden Autokorso durch die Straße als Abschluss (oder Beginn?) einer türkischen Hochzeit, bei der junge Menschen größere, neuere Autos fahren als ich es je in meinem Leben tun werde.
Das alles ist Wilhelmsburg, Veddel. Und noch mehr.

Wenn ich von der Stadt nach Hause fahre, über die Brücken, öffnet sich eine andere Welt und es ist doch mein Hamburg. Es ist Hamburg, wie ich es kennengelernt habe, als ich hierher zog, vor über 15 Jahren. Den Sprung über die Elbe möchte die Politik gerne machen und Wilhelmsburg, Harburg als Stadtteil erobern. Ich hoffe, dies endet nicht wie auf St. Pauli oder der Sternschanze und das, was den Kiez hier auszeichnet, das Eigenständige, bleibt erhalten. Auch meine S-Bahn über die Brücken, ratternd und polternd, eng, stickig und meistens überfüllt und doch immer mit einem Ausblick, der unbezahlbar ist.

Ich habe es mir nie vorstellen können; jetzt möchte ich in Hamburg nirgendwo anders wohnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst diese HTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>