die orthodoxe begegnung;

Eine kleine Gasse von der Jaffastreet abgehend, in einen verwunschenen Innenhof. Ein orthodox gekléideter älterer Mann mit weißem, langen Bart, einem schwarzen Hut, Schläfenlocken und schwarzem Mantel kommt mir entgegen. Er schaut auf meine Kamera und ich zucke instinktiv etwas zusammen, doch er lächelt mich an und kommt direkt auf mich zu. Ich freue mich, denn ich würde gerne mit einem orthodoxen Juden ins Gespräch kommen, unverfänglich und ungezwungen.

Er beginnt, auf Ivrit zu sprechen. Ich schüttel den Kopf und sage: „Lo Ivrit. Lo Ivrit.“
„Where do you come from?“, fragt er.
„Hamburg, Germany.“
Er lächelt sanft und spricht: „No, here, where do you stay?“ Sein Englisch ist gebrochen und ich muss genau zuhören, um ihn zu verstehen.
„Keren Ha‘ Yesod.“, antworte ich und frage mich zugleich, weshalb ihn das interessiert und ob es so sinnvoll war, einem Fremden meine Adresse zu nennen. Meine Zweifel verwerfe ich dann aber doch schnell wieder. Schließlich habe ich nur die Straße genannt, und die ist ellenlang, zudem wohne ich dort nicht alleine und schlussendlich ist es möglich, dass er sich dafür interessiert ob ich länger in Israel bleibe oder nur für eine kurze Zeit, als Touristin.
„You stay alone?“
Ich beginne zu stutzen. „No, with two friends.“
„Oh, you’re not married.“ Er scheint erfreut.
Ah, verstehe. Dann endlich. „No.“
„I come with you.“ Er strahlt noch mehr. „I marry you.“, sagt er, als ich ihn ungläubig fragend anschaue.
Ich schüttel den Kopf und lehne dankend, aber dennoch höflich ab.
„Aaaah, I come with you, you are the best!“, sagt er und kommt noch näher. Erneut weise ich ihn ab und gehe mit einem „Shalom“ weiter.
Das war’s dann mit meinem erhofften Gespräch mit einem orthodoxen Juden.

Verstehe einer die Welt. Ob gestern beim Gang durch das jüdische und muslimische Viertel, ob heute in der Ben Yehuda Straße oder im arabischen Teil Jerusalems: Es sind Männer, die mich angrinsen oder „Hello how are you?“ sagen, die manchmal sogar stehenbleiben oder nach meinem Tattoo fragen („Is it real?“) oder dazu Sätze sagen wie „very nice“ (inklusive Daumen-hoch). Meine blondhaarige Begleitung mit all ihren weiblichen Vorzügen wird nicht beachtet. Verkehrte Welt, hier in Jerusalem.

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