Ab heute bin ich Rassistin;

„Rassistin!“
Da ist es. Plötzlich. Einfach so. Ich habe darüber gelesen, davon gehört, doch noch nie wurde mir derartiges ins Gesicht geschleudert.
Der Mann mit dem Rucksack schaute mich verächtlich und irgendwie auch triumphierend an.

Der Rucksack mit dem alles anfing.

Die Sonne schien vom Himmel. Noch schnell raus. Einmal die Woche muss es Fallafel sein. Zum Dammtor fahren, zum Fallafelhaus.
Ich setzte mich im Bus neben eine Freundin. Der Platz hinter dem Busfahrer, am Gang. An der dritten Haltestelle wurde es im Bus ziemlich voll, die Menschen gingen nicht mehr nach hinten durch, sondern blieben vorne stehen. Neben mich stellte sich ein Mann mit Rucksack. Der Rucksack stieß mir in die Schulter, dann lag er auf meinen Schenkeln. „Entschuldigung!“ Ich tippte den Mann an. Keine Reaktion. Vorsichtig schob ich den Rucksack von meinen Beinen weg. Daraufhin lehnte sich der Mann an die Plexiglaswand, die zwischen Busfahrer und dem Platz, auf dem ich sitze, angebracht ist. Sein linker Arm hing herunter, seine linke Hand liegt mehr oder weniger auf meinem Knie. Ich wieder „Entschuldigung!“ Wieder keine Reaktion. Ich drehte meine Beine weg und schimpfte leise vor mich hin. „Unmöglich“, meckert die Freundin neben mir und wir redeten über unangenehme Situationen in der Bahn. Rucksack im Gesicht. Männer, die einem breitbeinig gegenübersitzen. Hunde auf Sitzplätzen.
Aktuell hatte ich wieder den Rucksack auf den Beinen, dann halb im Gesicht. „Hallo!“ Keine Reaktion. Ich schob den Rucksack samt Mann nach vorne. Nur ein wenig, nur so, dass er spürte, er behindert mich.
Er spürte es und reagierte. Sein Freund auch.
Wie könne ich den Mann schubsen! Was fiele mir ein!
Ich versuchte zu erklären, dass ich weder geschubst noch dass es böse gemeint war, doch „natürlich, hast du geschubst!“ Der Freund wusste es besser. Und außerdem glaubte er seinem Freund. Er muss es nicht gesehen habe. Ich war aggressiv und habe geschubst.
Ach so. Ah ja.
Meine Freundin konnte sich kaum mehr zurückhalten und begann lauter zu schimpfen. Ich erklärte den Beiden, dass ich versucht hatte, ihm klar zu machen, dass der Rucksack mich behinderte. „Das ist ein Bus! Nimmst du nächstes Mal ein Taxi wenn du es gemütlich haben willst!“
„Ah so, verstehe. Wenn er aber die ganze Zeit über gemerkt hat, dass er seinen Rucksack auf meinen Beinen hat und mich bedrängt, wieso hat er sich dann nicht ein wenig weggestellt?“, fragte ich.
„Er ist auch ein Mensch! Musst du ihn nicht schubsen!“
Wieder das Schubsen. Ich sah dem Freund des angeblich Geschubsten in die Augen: „Schau mich an, schau ihn an, wie kann ich ihn schubsen?“
Ungeachtet beschimpfte er mich weiter, als die, die geschubst hat.
Das Gespräch drehte sich im Kreis. Mir wurde warm und ich hatte das Gefühl, alle im Bus starrten mich an.
Erst recht, als –
„Rassistin!“, sagte der Mann mit dem Rucksack plötzlich und starrte mich an.
Ich schaffte es noch Luft zu holen und irgendwie, ich weiß nicht wie, mit ruhiger Stimme zu sagen: „Genau, wenn nichts mehr an Argumenten geht, dann also das Todschlagargument Rassistin. Super. Zieht ja immer.“
Beide, der Mann mit dem Rucksack und sein Freund, sagten daraufhin nichts.
„Die wissen doch nicht einmal, was für eine Nationalität ich bin!“, sagte ich zu meiner Freundin, die auch sichtlich schockiert-entrüstet nach Worten suchte.

Mittlerweile hatte sich auch der Busfahrer in unser Gespräch eingeschaltet. „Nicht streiten, es ist so ein schöner Tag, sterben müssen wir alle eines Tages!“
„Wir streiten nicht“, sagte der Freund, „wir diskutieren.“
Oh ha. Das also ist eine Diskussion.
Bis zum Ausstieg waren nur noch wenige Meter, doch auch diese und unsere „Diskussion“ führte letztendlich zu keinem vernünftigen, für beide Seiten akzeptablem Ergebnis.
Wir stiegen aus.
Sie starrten mich weiter verächtlich an und schimpften.
Ich stieg einfach aus und versuchte ich zu sein, ich zu bleiben.

Später in der Bahn wird mir meine Freundin sagen, dass ich all die Zeit extrem ruhig und meine Stimme klar geblieben war. Auch meine Gesichtsfarbe hätte sich nicht verändert, auch wenn ich selbst das Gefühl hatte, einer Lavalampe ernsthafte Konkurrenz gemacht zu haben.
Erst später, als wir uns über die Situation unterhielten, wurde ich bleich, was zu meinen weichen Knien und dem Zittern im Magen passte.

Ich bin froh, ruhig geblieben zu sein und doch unglücklich, fassungslos und durcheinander.
Rassistin.
Ich versuche stets, derartigen Situationen aus dem Weg zu gehen, ich scheue die offene Auseinandersetzung in der Bahn oder im Bus um einen Sitzplatz oder um den Vortritt. Wenn mein Gefühl mir sagt, hier droht Ärger, ziehe ich mich zurück, wechsel notfalls sogar das Abteil oder steige ganz aus.
Jetzt, heute war plötzlich die Situation da. Und ich eine Rassistin.
Es ist nicht wahr, ich bin keine Rassistin, es ist ein Todschlagargument, ein Argument der Verzweiflung und noch viel mehr.
Und doch hat es mich getroffen – denn ich konnte und kann mich nicht wehren.

2 Comments

  1. Mir kommt vor, dass gerade Menschen mit Migrationshintergrund, die sich eigentlich nicht wirklich integrieren wollen, dieses Argument ganz bewusst nutzen, da sie um unsere Schwäche wissen. Die Schwäche aller Deutschen, die eine halbwegs solide Schulbildung genossen haben: unsere Geschichte!

    Sie wissen, dass wir uns immer kollektiv schämen, dass es Hitler und sein menschenverachtendes Regime gegeben hat und das unsere Großeltern diese Zeit miterlebt haben und nie darüber gespr5ochen wurde. Jeder, der heute 70 irgendwas ist hatte Angst seine Eltern darauf anzusprechen. Jeder der heute 40 irgendwas ist weiß das.

    Es ist eine Schande, dass jemand einen Menschen als Rassist beschimpfen darf, der einfach nur anderer Meinung ist oder mit dem er Streit hat. Für mich ist es ein Zeichen dafür, dass socleh Menschen gar nicht wissen, was dieser Begriff bedeutet. Sie disqualifizieren sich selbst mit solchen Totschlagargumenten. Die Reaktion, Ihnen dies auf den Kopf zuzusagen, scheint dafür zu sprechen! Also: Richtig reagiert!!!

  2. ..mein Eindruck war auch, zumindest nachträglich, dass beide meine Reaktion, meine Worte nicht verstanden haben.
    Es ging ihnen jedoch nie um die Sache, um die Diskussion. Sie beharrten auf ihrer Meinung und nur bzw. gerade weil auch ich meine Position vertreten habe, wurden sie laut/ungehalten. Das machte und macht mich fassungslos und auch ein wenig ängstlich: wenn von Grund auf kein Austausch erwünscht ist, kein Gespräch möglich, was bleibt dann?

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